Wer ist Gott eigentlich? – Hintergründe und Quellen

Begleitmaterial zur Videoreihe «Alti Wort neu ghört»

Wer ist Gott eigentlich? Können wir Gott erkennen? Und was erzählen uns die biblischen Texte über Gottes Wesen?

In diesem Beitrag findest du ergänzende Informationen zu meinem Video, biblische und historische Hintergründe sowie Quellenangaben und Literatur zum Weiterlesen.

Dabei unterscheiden wir zwischen dem, was sich anhand historischer Texte und sprachlicher Untersuchungen nachvollziehen lässt, verschiedenen theologischen Auslegungen und persönlichen Glaubensaussagen.

Ich lade dich ein, selbst weiterzufragen, nachzulesen und neue Perspektiven zu entdecken.

https://youtu.be/9MD3dOFkw-8

1. Was sagt die Bibel über Gott?

Die Bibel enthält keine einheitliche philosophische Definition Gottes. Stattdessen begegnen uns unterschiedliche Erzählungen, Erfahrungen und Aussagen über Gott.

Genesis 1,1 – Gott als Schöpfer

Der erste Vers der Bibel stellt Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde vor. Der Text ist ein theologisches Bekenntnis und keine naturwissenschaftliche Erklärung der Entstehung des Universums.

Exodus 3,1–15 – Gott stellt sich Mose vor

In der Geschichte vom brennenden Dornbusch fragt Mose nach Gottes Namen. Die Antwort in Exodus 3,14 lautet auf Hebräisch:

Ehjeh ascher ehjeh.

Diese Worte werden unterschiedlich übersetzt, beispielsweise mit «Ich bin, der ich bin» oder «Ich werde sein, der ich sein werde».

Besonders interessant ist die Verbindung zu Exodus 3,12. Dort verspricht Gott Mose: «Ich werde mit dir sein.»

Exodus 33,18–23 – Die Grenzen menschlicher Gotteserkenntnis

Mose bittet darum, Gottes Herrlichkeit zu sehen. Die Erzählung verbindet die Möglichkeit einer Begegnung mit Gott mit der Grenze menschlicher Wahrnehmung.

Psalm 13,2–3 – Wenn Gott verborgen bleibt

Der Psalmbeter klagt darüber, dass Gott sein Angesicht verbirgt. Auch Zweifel, Gottesferne und die Erfahrung von Gottes Schweigen gehören zur biblischen Glaubensgeschichte.

Jeremia 9,22–23 – Gott erkennen und gerecht handeln

Der Prophet verbindet Gotteserkenntnis mit Güte, Recht und Gerechtigkeit. Gott zu kennen bedeutet hier mehr als theoretisches Wissen.

Johannes 1,14–18 und 14,8–11 – Gott erkennen durch Jesus

Im Johannesevangelium wird Jesus als derjenige dargestellt, der den unsichtbaren Gott bekannt macht. Das ist eine zentrale christliche Glaubensaussage.

2. Was bedeutet «Ehjeh ascher ehjeh»?

Die hebräische Wendung Ehjeh ascher ehjeh (Exodus 3,14) gehört zu den bekanntesten und zugleich schwierigsten Aussagen der hebräischen Bibel.

Das Wort ehjeh stammt von der hebräischen Wurzel h-y-h, die mit «sein» oder «werden» verbunden ist.

Deshalb sind unterschiedliche Übersetzungen möglich:

  • «Ich bin, der ich bin.»
  • «Ich werde sein, der ich sein werde.»

Welche Bedeutung im Vordergrund steht, lässt sich nicht allein durch die Grammatik entscheiden.

Besonders aufschlussreich ist der Zusammenhang mit Exodus 3,12. Dort sagt Gott zu Mose: «Ich werde mit dir sein.»

Die Selbstvorstellung Gottes kann deshalb auch als Zusage seiner Gegenwart verstanden werden.

Wichtig ist ausserdem: Die Wendung Ehjeh ascher ehjeh in Vers 14 und der Gottesname JHWH in Vers 15 sind eng miteinander verbunden, aber nicht einfach identisch.

Quelle:

Exodus 3,12–15, hebräischer Bibeltext und Übersetzungen:

https://www.sefaria.org/Exodus.3.12-15

3. Wie versteht die jüdische Tradition diesen Text?

Eine interessante Auslegung stammt von Raschi (1040–1105), einem der bedeutendsten mittelalterlichen jüdischen Bibelkommentatoren.

Raschi deutet die Worte Gottes unter Rückgriff auf eine rabbinische Überlieferung im Babylonischen Talmud (Berakhot 9b).

Im Mittelpunkt steht dabei die Zusage, dass Gott seinem Volk in gegenwärtigen und zukünftigen Zeiten der Not beisteht.

Diese Deutung versteht Gottes Selbstvorstellung nicht in erster Linie als abstrakte philosophische Definition, sondern als Ausdruck seiner Beziehung zu den Menschen.

Dabei handelt es sich um eine jüdische Auslegungstradition und nicht um die einzig mögliche Übersetzung des hebräischen Textes.

Quellen:

Raschi, Kommentar zu Exodus 3,14:

https://www.sefaria.org/Rashi_on_Exodus.3.14

The Torah: A Women’s Commentary (2008), Kommentar zu Exodus 3,14–15:

https://www.sefaria.org/The_Torah%3B_A_Women%27s_Commentary%2C_Exodus.3.14.1

4. Kann man Gott philosophisch beschreiben?

Die Frage nach Gott beschäftigt nicht nur die Theologie, sondern auch die Philosophie.

Der mittelalterliche Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225–1274) entwickelte eine einflussreiche christliche Gotteslehre.

In seiner Philosophie ist Gott nicht einfach ein Gegenstand unter anderen Gegenständen. Gott wird vielmehr als grundlegender Ursprung allen Seins verstanden.

Damit stellt sich eine wichtige Frage: Können wir Gott überhaupt mit den Begriffen beschreiben, die wir für die erfahrbare Welt verwenden?

Thomas von Aquin unterscheidet deshalb zwischen dem, was Menschen über Gott erkennen können, und den Grenzen menschlicher Erkenntnis.

Diese Überlegungen gehören zur philosophischen Theologie. Sie sind keine naturwissenschaftlichen Beweise für Gottes Existenz.

Quellen und weiterführende Literatur:

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Thomas Aquinas

https://plato.stanford.edu/entries/aquinas

Thomas von Aquin: Summa theologiae, Teil I, Fragen 2–13.

5. Warum bleibt Gott manchmal verborgen?

Eine der schwierigsten Fragen des Glaubens lautet:

Wenn Gott existiert und eine Beziehung zu den Menschen möchte, weshalb erfahren ihn manche Menschen nicht?

Der Religionsphilosoph J. L. Schellenberg hat diese Frage in seinem Werk Divine Hiddenness and Human Reason (1993) philosophisch untersucht.

Sein Argument beschäftigt sich besonders mit Menschen, die einer Beziehung zu Gott offen gegenüberstehen, aber dennoch nicht an seine Existenz glauben können.

Daraus entsteht eine ernsthafte religionsphilosophische Herausforderung für bestimmte Vorstellungen eines liebenden Gottes.

In der Philosophie und Theologie gibt es unterschiedliche Antworten auf dieses Argument. Die Frage ist nicht abschliessend entschieden.

Auch die Bibel kennt Erfahrungen der Gottesferne. In Psalm 13 klagt ein Mensch darüber, dass Gott sein Angesicht verbirgt.

Die Erfahrung, Gott nicht wahrnehmen zu können, ist deshalb nicht erst eine moderne Frage.

Quellen und weiterführende Literatur:

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Hiddenness of God

https://plato.stanford.edu/entries/divine-hiddenness

Schellenberg, J. L. (1993): Divine Hiddenness and Human Reason. Cornell University Press.

6. Was können wir über Gott wissen?

Historische und sprachwissenschaftliche Forschung kann untersuchen, wie biblische Texte entstanden sind, welche Begriffe sie verwenden und wie Menschen sie im Laufe der Geschichte verstanden haben.

Sie kann beispielsweise zeigen, dass die hebräische Wendung Ehjeh ascher ehjeh unterschiedlich übersetzt und ausgelegt wird.

Sie kann auch untersuchen, wie sich die Vorstellungen von Gott innerhalb der biblischen Schriften unterscheiden und weiterentwickeln.

Ob Gott tatsächlich existiert, wie Gott handelt und ob Menschen Gott persönlich erfahren können, lässt sich dagegen nicht allein durch die historische Textforschung beantworten.

Hier begegnen sich philosophische Argumente, theologische Überzeugungen und persönliche Erfahrungen.

Ein Beispiel: Johannes 1,18

Auch die Überlieferung der biblischen Texte selbst ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

In Johannes 1,18 gibt es unterschiedliche griechische Textvarianten. Einige Handschriften enthalten eine Formulierung, die mit «einziggeborener Gott» übersetzt werden kann, andere eine Formulierung mit «einziggeborener Sohn».

Die neutestamentliche Textkritik untersucht solche Unterschiede anhand der erhaltenen Handschriften.

Diese Varianten zeigen, weshalb es wichtig ist, zwischen dem überlieferten Text, seiner Übersetzung und seiner theologischen Auslegung zu unterscheiden.

Quelle:

NET Bible, Johannes 1,18, mit textkritischen Anmerkungen:

https://netbible.org/bible/John+1

Zum Weiterdenken

Die Frage «Wer ist Gott eigentlich?» lässt sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten.

Die Bibel erzählt von Menschen, die Gott suchen, ihm vertrauen, mit ihm ringen und manchmal auch an seiner Gegenwart zweifeln.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Texten kann unseren Blick erweitern. Sie muss nicht jede Glaubensfrage beantworten, um wertvoll zu sein.

Glauben. Fragen. Entdecken.

Alte Worte. Neue Perspektiven.

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